Zum Inhalt springen

Wie beginne ich an der Börse zu investieren?

Für die meisten Menschen, die sich mit dem Thema Börse noch nicht auseinandergesetzt haben, ist der erste Schritt der schwerste. Erstmals an der Börse zu investieren erfordert eine gewisse Überwindung und fühlt sich an wie ein Schritt ins ungewisse. Um dir als Neuling diesen Schritt zu erleichtern und auf das erste Investment vorzubereiten, habe ich einen Leitfaden erstellt, der dich auf dem Weg begleitet.

Überblick über eigene Finanzen

Bevor du anfängst Geld zu investieren (egal ob an der Börse oder woanders), ist es notwendig, dass du dir einen Überblick über deine Finanzen schaffst.

Monatliche Ein- und Ausgaben

Dazu gehört zunächst eine Übersicht deiner monatlichen Ein- und Ausgaben. Diese kannst du am besten in einer Tabelle gegenüberstellen. Besonders wichtig ist es jährliche Ausgaben, wie Versicherungen oder Mitgliedsbeiträge nicht zu vergessen und ebenfalls in deiner Übersicht zu berücksichtigen. Sinnvollerweise sollte ein Jahresbeitrag auf Monate umgerechnet werden. Außerdem solltest du ehrlich einschätzen, wie viel Geld du monatlich im Schnitt in deiner Freizeit ausgibst für Urlaub, Restaurantbesuche, Kino, Konzerte, Frisör oder Sonstiges. Unterstützen kann dich bei diesem Vorhaben auch eine App, wie z.B. Finanzguru*. Damit kannst du automatisch deine durchschnittlichen monatlichen Ausgaben bestimmen oder jährliche Zahlungen erkennen. Eine beispielhafte Aufstellung monatlicher Ein- und Ausgaben könnte in etwa wie folgt aussehen:

EinnahmenAusgaben
Gehalt 2100€Miete 850€
Kindergeld 190€Strom 50€
Nebengewerbe 75€Handy & Internet 40€
Versicherungen 30€
Lebensmittel 180€
Kleidung 50€
Auto & Tanken 200€
Fitnessstudio 25€
Netflix 15€
GEZ 18€
Freizeit 250€
Kredit Fernseher 100€
Summe 2365€Summe 1808€
Beispiel für monatliche Ein- und Ausgaben

Vermögensaufstellung

Nachdem du über die monatlichen Ein- und Ausgaben Bescheid weißt, geht es nun an deine aktuelle finanzielle Aufstellung. Hast du bereits Vermögenswerte oder Rücklagen gebildet? Zahlst du aktuell noch größere Kredite ab? Auch dies solltest du in einer Tabelle gegenüberstellen. Auf der Vermögensseite sollten nur Geldwerte aufgeführt werden, die schnell verfügbar sind. Dazu zählen insbesondere Girokonten Tagesgeldkonten oder Barvermögen. Materielle Vermögenswerte spielen dabei erstmal keine Rolle. Bei den Schulden solltest du Konsumschulden, BAföG Rückzahlung oder sonstige Verbindlichkeiten aufführen. Dies könnte beispielsweise wie folgt aussehen:

EinnahmenAusgaben
Girokonto 850€Kredit Fernseher 600€
Tagesgeldkonto 1200€Darlehen Eltern 800€
Summe 2050€Summe 1400€
Beispiel für monatliche Ein- und Ausgaben

Damit hast du nun einen Überblick über deine Finanzen. Im nächsten Schritt schauen wir, welche Schritte aus finanzieller Sicht notwendig sind, damit du an der Börse investieren kannst.

Finanzielle Voraussetzung schaffen

Idealerweise sollte bei der Gegenüberstellung deiner Ein- und Ausgaben am Ende ein positiver Betrag stehen. Ist dies nicht der Fall gilt es deine Einnahmen zu erhöhen oder bei den Ausgaben sparsamer zu sein. Langfristig würde ein solches Verhalten zu Schulden führen, was du in jedem Fall vermeiden solltest. Bevor es nun für dich an die Börse gehen kann, sollten drei finanzielle Voraussetzungen gegeben sein:

Schulden abbauen

Bevor du dein Geld investierst, solltest du deine Schulden abgebaut haben. Es ist nicht ratsam die Rückzahlung von Schulden aufzuschieben, schon gar nicht wenn man stattdessen mit seinem Kapital ein gewisses Risiko eingehen möchte. Im schlimmsten Fall musst du kurzfristig deine Investitionen an der Börse mit Verlust verkaufen, um deine fälligen Schulden zu tilgen.

Notgroschen ansparen

Um den eben genannten Fall auch im Alltag zu vermeiden, solltest du vor deiner ersten Investition einen Notgroschen ansparen. Dieser sollte je nach Lebenssituation und Sicherheitsbedürfnis etwa 3-6 Monatsnettogehälter betragen. Diese Summe sollte idealerweise auf einem Tagesgeldkonto liegen, damit diese nicht doch für den kurzfristigen Konsum genutzt wird. Dieses Geld ist für den Notfall gedacht, falls z.B. deine Waschmaschine oder dein Auto kaputt geht. Auch hier wäre es fahrlässig, wenn du im Notfall Wertpapiere sofort verkaufen musst, um kurzfristig an Geld zu kommen.

Nicht benötigtes Geld investieren

Die wichtigste Grundregel beim Investieren an der Börse ist, dass du nur Geld anlegst welches du langfristig nicht benötigst und dessen Verlust du verschmerzen könntest. Falls du vor hast in den nächsten Jahren eine Immobilie zu erwerben oder ein neues Auto zu kaufen, ist die Börse nicht der richtige Ort um dein Geld auf Sicht von einigen Monaten oder Jahren aufzubewahren. In diesem Fall ist ein Tages- oder Festgeldkonto der richtige Weg. Je länger du an der Börse investiert bist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit Gewinne zu erzielen. Kurzfristig kann es an den Börsen zu heftigen Ausschlägen kommen, weshalb du bei deiner Investition Zeit mitbringen solltest. Idealerweise mindestens 10-15 Jahre.

Ich kann Ihnen nicht sagen, wie man schnell reich wird. Ich kann Ihnen aber sagen, wie man schnell arm wird: indem man nämlich versucht, schnell reich zu werden.

André Kostolany

Beispiel

Kommen wir auf unser Beispiel von oben zurück. Aktuell hat unser Börsenneuling noch 1400€ Schulden offen, die zunächst getilgt werden sollten. Dies sollte über den monatlichen Überschuss von knapp 550€ und dem Guthaben auf dem Girokonto in Höhe von 850€ relativ schnell machbar sein. Die 1200€ auf dem Tagesgeldkonto bilden die Grundlage zum Aufbau eines Notgroschens. Sobald die Schulden abbezahlt sind, gilt es den Notgroschen anzusparen. Nach einigen Monaten sollte auch hier die gewünschte Größe von knapp 6500€ erreicht sein.

Grundlegendes Wissen aufbauen

Sofern du dabei bist deinen Notgroschen anzusparen, gilt es ein grundlegendes Wissen bezüglich der Börse aufzubauen. Falls du an diesem Punkt das Geld für den Notgroschen schon zusammen hast, rate ich trotzdem dazu nicht direkt loszulegen. Glücklicherweise gibt es heutzutage viele Möglichkeiten sich das entsprechende Wissen anzueignen. Ich persönlich habe mein Wissen hauptsächlich über YouTube Videos und Bücher und später über Blogs aufgebaut. Da die Wissensvermittlung für mich an dieser Stelle zu weit gehen würde, lege ich dir einige nützliche YouTube Videos ans Herz, die ich in einer Playlist für den Einstieg zusammen gestellt habe. Außerdem könntest du in der Anfängerrubrik meiner Buchempfehlungen fündig werden.

Playlist für Börsenneulinge

Nachdem du dir das notwendige Wissen angeeignet hast, solltest du die folgenden Fragen beantworten können:

  • Was ist eine Aktie?
  • Was ist ein ETF?
  • Wie entsteht der Kurs einer Aktie?
  • Was ist ein Sparplan?
  • Was ist der Cost-Average-Effekt?
  • Wie unterschieden sich aktive und passive Investments?
  • Was sind Dividenden?
  • Worin unterschieden sich ausschüttende und thesaurierende ETFs?
  • Was ist der MSCI World?
  • Welche Rendite kann ich realistisch erwarten?

Strategie festlegen

Nachdem du dir das grundlegende Wissen angeeignet hast, gilt es nun eine Strategie festzulegen. Dazu solltest du dich zunächst hinterfragen, was das Ziel deines Investments ist. Ist es für die Altersvorsorge gedacht, möchtest du ein passives Einkommen aufbauen oder möchtest du mit dem Vermögensaufbau beginnen? Daraus kannst du direkt deinen Anlagehorizont ableiten, z.B. 35 Jahre bis zum Renteneintritt. Außerdem hast du am Anfang bereits ermittelt, wie viel Geld dir für dein Investment zur Verfügung steht. Damit hast du die beiden Komponenten Anlagehorizont und die zu investierende Summe festlegen können.

Einem Börsenneuling würde ich immer raten mit einem Sparplan auf einen breit gestreuten ETF zu beginnen. Dies ist der einfachste Weg um langfristig an der Börse zu investieren. Ein Sparplan muss nur einmalig eingerichtet werden, so dass du dich anschließend nicht mehr darum kümmern musst. Als Neuling ist es psychologisch auch etwas einfacher einen Sparplan zu nutzen, als über einen Einmalkauf zu investieren. Der Sparplan bietet den Vorteil des Cost-Average-Effekts, so dass du bei fallenden Kursen automatisch mehr Anteile für dein Geld erhältst. Dies wird sich langfristig auszahlen. Auf der anderen Seite wird es dich auch freuen, wenn die Kurse steigen und dein Geld sich dadurch vermehrt.

Wichtig ist in jedem Fall an deiner Strategie langfristig festzuhalten. Falls es am Anfang noch nicht wie gewünscht läuft, musst du nicht alles direkt wieder hinterfragen. Du musst dich auch ein wenig selber kennenlernen, wie du beispielsweise damit umgehst, falls dein Depot mal ins Minus rutschen sollte. Manche sehen das ziemlich locker und andere verfallen in Panik. Hier gilt es besonnen zu bleiben und an seinen langfristigen Zielen festzuhalten.

Ausschüttend vs. Thesaurierend

Bevor es zur Auswahl deines ersten ETFs geht, steht nochmal deine Strategie im Vordergrund. Du solltest dir die Frage beantworten, ob du einen ausschüttenden oder einen thesaurierenden ETF investieren möchtest. Falls du ein passives Einkommen durch Dividendenerträge aufbauen möchtest, solltest du einen ausschüttenden ETF bevorzugen. Dadurch könntest du auch deinen Sparerfreibetrag in Höhe von 801€ ausnutzen. Dies bedeutet, dass du keine Steuern auf die ersten 801€ aus Kapitalerträgen zahlen musst. Der Nachteil besteht darin, dass durch die Dividendenausschüttung Kapital aus deinen Depot genommen wird. Dieses Kapital profitiert dann nicht mehr vom Zinseszinseffekt. Den Unterschied kannst du in der nachfolgenden Grafik sehr gut erkennen. Der thesaurierende ETF reinvestiert die Erträge während der ausschüttende dir regelmäßige Beträge ausschüttet. Hier liegt es an dir zu entscheiden welcher Weg für dich der richtige ist. Für ein passives Einkommen wäre die ausschüttende Variante die richtige Wahl, für den langfristigen Vermögensausbau eher die thesaurierende Variante.

Vergleich eines ausschüttenden MSCI World ETF gegen einen thesaurierenden.
MSCI World ETF – ausschüttend vs. thesaurierend

Welcher ETF ist der Richtige?

Mittlerweile gibt es tausende unterschiedliche ETFs. Dies macht die Sache nicht leichter am Anfang den richtigen zu finden. An dieser Stelle werde ich bewusst auch keinen konkreten ETF empfehlen, da du selber den richtigen für dich finden solltest. Die häufigste Empfehlung für den Anfang ist es in einem MSCI World zu investieren. Dieser ETF beinhaltet rund 1600 Unternehmen aus den größten Industrienationen und ist das Basisinvestment in vielen Depots. Dabei ist aber in jedem Fall zu beachten, dass Aktien aus den USA rund 67% dieses ETFs ausmachen und dieser stark von der Entwicklung der amerikanischen Wirtschaft abhängt.

Eine andere Möglichkeit besteht darin in einen MSCI All-Country-World (ACWI) zu investieren. Dort sind neben den Industrienationen auch Schwellenländer vertreten. Insgesamt umfasst ein solcher ETF 3000 Unternehmen aus 47 Länder. Damit sind 85% der weltweiten Wirtschaft in einem ETF abgedeckt. Um den richtigen ETF für dich zu finden, rate ich dir auf einer Seite wie justETF auf die Suche zu gehen. Dort gibt es viele verschiedene Filter Optionen, welche dir helfen die Auswahl einzugrenzen. Achte dabei besonders auf die folgenden Punkte:

  • Ist der ETF ausschüttend oder thesaurierend?
  • Der ETF sollte ein Volumen von mindestens 1 Mrd.€ haben
  • Die jährlichen Kosten (TER) sollten möglichst gering sein

Lasse dich nicht von den vielen verschiedenen ETFs verunsichern. Für den Anfang solltest du nur nach einem MSCI World oder MSCI ACWI suchen. Andere ETFs zu speziellen Branchen oder Ländern mögen zwar verlockend sein, aber sind für Einsteiger ungeeignet. Dies könnte zu einem späteren Zeitpunkt interessant werden, wenn du mehr Erfahrung und Wissen gesammelt hast.

Beispiel Strategie

Kommen wir zu unserem Börsenneuling aus dem Beispiel zurück. Dieser hat seine Schulden abgebaut, einen Notgroschen angespart und das nötige Wissen aufgebaut. Somit gilt es nun eine Strategie festzulegen. Monatlich sollen 500€ in einem ETF angelegt werden. Der Börsenneuling möchte sich ein passives Einkommen aufbauen, da er die regelmäßigen Ausschüttungen für sich als Motivation sieht weiter zu investieren. Zum Renteneintritt in 35 Jahren möchte unser Neuling dann seine Rente über die Ausschüttungen und regelmäßige Kapitalentnahmen aufbessern. Die Entscheidung fiel daher auf eine monatliche Investition in Höhe von 500€ in einen ausschüttenden MSCI World über einen Sparplan.

An der Börse investieren

Nun ist alles für die erste Investition an der Börse vorbereitet. Das einzige was noch fehlt ist ein Depot bei einem Broker. Mittlerweile können Depots bei allen Banken und Brokern bequem Online eingerichtet werden. Bei nahezu allen Anbietern sind die Depotführung und auch ETF Sparpläne kostenlos. Meine Empfehlungen bzw. meine genutzten Broker findest du in dieser Übersicht. Sobald dein Depot freigeschaltet ist, solltest du einen monatlichen Dauerauftrag einrichten, der deine geplante monatliche Sparrate auf das Verrechnungskonto deines Depots überweist. Anschließend gilt es in deinem Depot einen Sparplan einzurichten. Dazu solltest du die WKN (Wertpapierkennnummer) deines ETFs in die Suchfunktion deines Brokers eingeben. Anschließend kannst du den gewünschten Sparplanbetrag und die Häufigkeit der Ausführung festlegen. Das war es schon und deiner ersten Sparplanausführung steht nichts mehr im Wege. Falls du einen ausschüttenden ETF gewählt hast, solltest du noch einen Freistellungsauftrag einrichten, damit du deinen Sparerfreibetrag in Höhe von 801€ ausnutzen kannst.

Und nun heißt es abwarten, Ruhe bewahren und langfristig denken. Ich hoffe die kleine Einführung hat dir geholfen deinen Weg an die Börse zu finden. Falls du noch Fragen hast kannst du mir gerne eine Mail schreiben. Ansonsten wünsche ich dir viel Erfolg mit deinen Investments.